Backsteinexpressionismus

Ausdruck. Zuspitzung, Intensivierung. Lautstärke von Formen und Farben. Stumm wie ein Stein gilt nicht mehr. Gemauerte Wände geraten auf einmal in Bewegung, Ziegeltexturen scheinen zu vibrieren, strahlen Rhythmus und Kraft aus - der Backsteinexpressionismus der 1920er und 1930er Jahre schafft Gebäude, die sich von der neusachlichen Architektur des Bauhauses abhebt. Denn während Bauhausarchitekten für die Abschaffung jeglicher Zierformen eintreten, entwickeln die Architekten des Expressionismus eine ornamentale Formensprache mit rauen, kantigen, oft spitzen Elementen. Der Expressionismus - so ist es seine Art - entwickelt eine starke Dramatik. Das wichtigste Motiv wird die spitze Ecke. Ecken symbolisieren Energie, dynamische Zuspitzung, aber auch Bruch, Ausgreifen, fast Aggression. Man findet sie in ganz ausgeprägter Form an beeindruckenden Bauten wie dem Chilehaus in Hamburg oder dem Ullsteinhaus in Berlin.

Der tragende Kern der Gebäude des Backsteinexpressionismus ist fest, konstruiert aus Betonfachwerk oder Stahl. Auf dieser Struktur werden herkömmlicher Haustein und Putz abgelöst von reliefartig aufgebauten Mauerflächen. Ziegellagen springen im Wechsel vor und zurück, gliedernde Streifen und Ornamente werden eingearbeitet. Sogar eine teppichhafte Textur kann sich zeigen und über die ganze Wand gezogen werden. Es entstehen monumentale Gebäude von großer Einfachheit wie das Anzeiger-Hochhaus in Hannover oder das Rathaus in Oberhausen. Größe, Lage, Farbe und horizontale und vertikale Schichtung der Backsteine bestimmen ihren Charakter.

Große Beliebtheit, gerade für die Gestaltung von Fassaden, erreichte der hartgebrannte Klinker. Seine charakteristische raue Oberfläche und die reiche Farbpalette, von Braun über Rot bis Violett, ließen ihn zum Trendmaterial dieser Zeit werden. In den schwierigen klimatischen Bedingungen von Industrieanlagen war er besonders geeignet. So kam er gerade im Ruhrgebiet, das - neben Norddeutschland und den Niederlanden - eines der regionalen Zentren des Backsteinexpressionismus war, zum Einsatz. Heute stehen Gebäude wie das Lagerhaus der Gutehoffnungshütte in Oberhausen oder das Haus der Technik in Essen unter Denkmalschutz.

Der Berliner Architekt Albert Gottheiner griff den kraftvollen Ausdruck des Backsteinexpressionismus auf, als er 1930 das Verwaltungsgebäude der Allgemeinen Ortskrankenkassen in der Berliner Luisenstadt schuf. Ein Hauptbau mit drei senkrecht dazu stehenden Flügeln, eine im Erdgeschoss zwischen erstem und zweitem Flügel aufgespannte Halle - bei dieser Konstruktion setzt Gottheiner kantige Steine in vielen Spielarten aneinander und schafft eine verblüffend vielfältige Ornamentik. Er gestaltet skulpturenartig, setzt horizontale Backsteinreihen mit abwechselnd vor- und zurückgesetzter Mauerung. Die blaurote Klinkerblendfassade und die Pfeilerfront, die damals bereits seit einigen Jahrzehnten für Geschäfts- und Bürohäuser üblich war, steigert der Berliner Architekt durch die Auflösung der geraden Kanten und glatten Flächen sowie die kreative Anordnung der Klinker zu einer beeindruckenden Monumentalität. Von der Seite betrachtet erscheint die breite Front fast wie ein geschlossener Vorhang mit Muster.